Wir brauchen harte Daten und weiche Schutzmaßnahmen!

Deutschland hat im Kampf gegen das Virus viel erreicht.

Trotzdem stehen wir nun da und haben keine Antworten auf Fragen wie diese:

Können wir die Schulen wieder normal öffnen?
Welche Ansteckungsgefahr herrscht in U-Bahnen, Zügen, Flugzeugen?
Können wir in den Urlaub fliegen? 
Welche Wirkung haben die Schutzkonzepte von Firmen, Flughäfen, Hotels etc?
Kommt das Virus im Winter zurück?

Was haben wir nicht alles gegen das Virus probiert: Absage von Großveranstaltug, Abstand halten, Schutzschilde, Lockdown, Atemschutzmasken, Laden- und Schulschließungen, Homeoffice, Händewaschen, Straßen und Plätze desinfizieren. Schließen der Grenzen und Absagen der Flüge.

Die Crux unserer Situation ist es, dass wir nicht wissen, welchen Maßnahmen nun eigentlich der vorläufige Sieg über das Virus zu verdanken ist! So kam z.B. die Atemschutzmaske erst, als die erste Viruswelle schon gebändigt war. Wir können die Pandemie bisher nicht wirklich navigieren. Wir sind weiterhin auf Versuch und Irrtum angewiesen. Diese Methode gefährdet unzählige Menschenleben und bringt horrende Kosten mit sich.

Und wir kennen die genauen Infiziertenzahlen nicht, weil wir vorwiegend die Kranken testen. Wenn im Herbst die Infiziertenzahlen wieder rasant steigen sollten, werden wir es erst mit dreiwöchiger Verspätung merken – ein fataler Start in den Winter!

Unsere schwachen Daten machen uns verletzlich!

Wie können wir die Epidemie präzise abbilden...

…um etwaigen Gefahren vorzugreifen? Wie können wir die einzelnen Schutzmaßnahmen in ihrer Effizienz bewerten und uns dann mit sicherer Hand diejenigen herauspicken, die unser Leben am wenigsten beeinträchtigen?

Dazu bräuchten wir jetzt große Datenmengen von Personen, die solche Schutzmaßnahmen nutzen. Daten über ihre jeweiliges Abschneiden in der Epidemie im Vergleich zu einer Kontrollgruppe.

Aber gerade Daten sind seit Monaten unsere große Schwäche. Unsere offizielle Kurve der Fallzahlen zeigt weder eine „Delle“ nach dem Lockdown noch eine „Beule“ nach den Lockerungen. Damit ist über die Qualität der Daten eigentlich schon alles gesagt! Als Entscheidungsgrundlage für Politiker sind die Daten ebenso wenig geeignet wie für die wissenschaftliche Analyse von Schutzmaßnahmen. Denn die Folgen unseren Handelns können wir daran nicht erkennen. Und das muss das Kriterium für gute Daten sein. Folgen Sie diesem Link zu einer kurzen und grausamen Analyse der Corona-Daten des Robert-Koch-Institutes.

Wir haben das wissenschaftliche Potential unserer Virus-Tests bislang tragischerweise verschenkt.

Warum ruft keiner nach harten Daten? Das werden uns schon bald unsere Kinder fragen, mit deren Zukunft wir so unbekümmert hantieren.

Warum nicht einfach systematisch testen?

Es gibt ein billiges und einfaches Verfahren, um die Epidemie in Echtzeit abzubilden und die Wirkung unserer vielen Schutzmaßnahmen exakt zu messen. Ein solcher Mechanismus sind systematische Virustests. Viele Wissenschaftler haben sie gefordert, siehe Schrappe et al

Ähnlich wie bei einer Meinungsumfrage würden täglich eine große Zahl von Personen zufällig ausgewählt und auf das Virus getestet. Zusätzlich könnten sie freiwillig wichtige Daten zu ihren Lebensumständen und Schutzmaßnahmen beisteuern – natürlich anonym.

Warum machen wir das nicht einfach? Es kostet uns doch nichts! Wir testen doch schon so viel! Und 99% dieser Tests fallen negativ aus. Mit guter Koordination können wir gerade aus diesem Statistikmüll unsere Antwort auf das Virus schmieden!

Wir haben nichts zu verlieren, aber viel zu gewinnen!

So, wie unsere Wahlen allgemein, unmittelbar, frei, gleich und geheim sein sollen, so sollten auch die Virus-Tests wichtigen Kriterien genügen. Denn inzwischen ist der Umgang mit dem Virus für viele von uns eine existentielle Frage – ebenso wichtig und heikel wie unsere Demokratie.

Die Virustests sollten zufällig, anonym, systematisch, stichprobenhaft und intelligent sein und täglich durchgeführt werden.

  • Warum zufällig? Soweit es die anderen Kriterien zulassen, sollten die Tests zufällig gestreut quer durch alle Bevölkerungsgruppen gefahren werden. Wenn wir weiterhin nur die Verdachtsfälle testen, erhalten wir kein objektives Bild unserer Situation.
  • Warum anonym? In dem Augenblick, in dem wir unsere Daten spenden, müssen wir sicher sein, dass sie von unserer persönlichen Identität entkoppelt sind.
  • Warum systematisch? Wenn wir quer durch alle Landkreise und Bevölkerungsgruppen testen, können wir die Ergebnisse präzise auf die gesamte deutsche Bevölkerung hochrechnen.
  • Warum stichprobenhaft? Mit etwa 30.000 täglichen Tests bekommen wir exakte Ergebnisse. Es ist nicht nötig, alle Menschen zu testen! Sparen wir uns unsere Kräfte für Wichtigeres!
  • Warum intelligent? Zum einen ist es gerade jetzt, wo nur noch wenige Infizierte in der Bevölkerung sind, wichtig, sich beim Testen an besonders gefährdete Personen und Berufe zu halten. Denn diese Personen, sogenannte potentielle Superspreader, haben besonders viele intensive Begegnungen mit anderen Menschen. Stellen wir uns z.B. einen Verkäufer im MediaMarkt vor, der täglich 20 Staubsauger und Mikrowellengeräte erklärt und verkauft. Ein solcher Superspreader kann binnen weniger Tage 50 weitere Personen anstecken, oder von ihnen angesteckt werden. Er oder sie „saugt“ das Virus auf, und bläst es dann millionenfach vermehrt in unsere Gesichter. Denn er/sie „sitzt“ an einem Knotenpunkt im Netz unserer Gesellschaft. Das müssen wir uns beim Testen zunutze machen. Mit besonders intensiven Tests an diesen Knotenpunkten können wir unglaublich effektiv Infektionsketten finden und unterbrechen. Der besondere Clou: Sind die potentiellen Superspreader infiziert, so kann ihnen geholfen werden. Sind sie gesund, so sind sie für die Allgemeinheit besonders wertvoll: Wir können von ihnen lernen, auch unter „Dauerbeschuss“ gesund zu bleiben! Von ihnen können wir also neue Schutzmaßnahmen lernen. 
  • Wir können den Schwerpunkt der Tests ständig intelligent verschieben, z.B. auf das Umfeld positiv getesteter, auf Schüler, auf Bundesligafans, auf Personen, die besondere Schutzmaßnahmen verwirklichen, auf solche, die in ihrer Kindheit gegen Tuberkulose geimpft wurden… Natürlich immer mit einer Kontrollgruppe als Vergleich.
  • Warum täglich? Gerade die täglichen Tests sind wichtig. Denn dadurch können Ereignisse wie z.B. die von der Regierung verordneten Maßnahmen, Großveranstaltungen, Ferienbeginn u.a. in ihrer Wirkung auf das Virus genau eingeschätzt werden. Beschließt z.B. die Bundesliga wieder Spiele mit halb gefüllten Stadien, so kann der Effekt auf die Pandemie wenige Tage später exakt festgestellt werden.

Wir sollten dabei Corona-PCR-Tests und Antikörper-Tests etwa im Verhältnis 10:1 kombinieren. Denn mit den Antikörper-Tests decken wir das vergangene Infektionsgeschehen auf und können sogar jetzt noch aus der Hohezeit des Virus lernen.

Welche Ergebnisse könnten wir vorweisen?

Wir werden nach der ersten Woche systematischer Tests schon einen genauen Überblick über das Infektionsgeschehen haben – endlich!!!. Es werden nach 7 Tagen mehr als 200.000 Tests vorliegen. Würden so z.B. 430 Infizierte und 760 Personen mit Antikörpern entdeckt, so könnte man die Zahlen (unter Berücksichtigung der Größe der getesteten Bevölkerungsgruppen) präzise auf jeden Bezirk, jedes Bundesland und auf ganz Deutschland hochrechnen.

Das wäre weltweit ein Novum: Ein ganzes Land kennt den Anteil seiner Infizierten!

Fiktive Tabelle, in der Ergebnisse von systematischen Virus-Tests auf das Gebiet von ganz Deutschland hochgerechnet wurden.

Aus dem Tagesverlauf der Infektionen könnte eine genaue Tendenz ermittelt werden, und damit R ausgerechnet werden – je genauer, je mehr Daten sich ansammelten. Die Antikörper-Tests könnten uns auch genaueren Aufschluss darüber geben, welche Bevölkerungs- und Berufsgruppen besonders gefährdet sind. Tests in das Umfeld der Antikörper-Positiven gäben uns Aufschluss über den Effekt von deren Schutzmaßnahmen.

Wir würden nach den ersten Wochen systematischer Tests dann also solche Aussagen über Schutzmaßnahmen bekommen:

* diese Zahlen sind fiktive, plausible Beispiele

Ein Beispiel für eine Schutzmaßnahme, welche die Öffentlichkeit noch nicht auf dem Radar hat, und die der Corona-Krise den Schrecken nehmen könnte, ist das Pulsoximeter. Hier finden Sie einen kurzen Steckbrief dazu.

Pulsoximeter
Dieses einfache Pulsoximeter kann nach dem Beatmungs-Experten Robert Levitan unzählige Menscheleben retten und unsere Intensivstationen entlasten.

Warum ist es so wichtig, die Wirkung von Schutzmaßnahmen mathematisch zu beschreiben?

Die Antwort lautet: Eine mathematische genaue Einordnung der Wirkung jeder Schutzmaßnahme erlaubt es unserer Politik, sie sachlich gegeneinander abzuwägen. So müssen wir nicht mehr wild mit Maßnahmen um uns schießen.

Weiterhin können Epidemiologen nur mathematisch quantifizierte Schutzmaßnahmen in ihre Modelle einbauen. Damit können sie dann genau berechnen, wie wir uns mit den geringsten Einschränkungen am besten schützen! 

Natürlich würden sich die Daten über die Effizienz von Schutzmaßnahmen um so schneller ansammeln, je mehr Infizierte wir finden. Wenn andere Länder mitmachten, würden sich die nötigen Daten in rasender Schnelle ansammeln.

Es wäre also sowohl aus Nächstenliebe als auch aus Selbstschutz ideal, wenn wir einem Land mit hohen Infiziertenzahlen wie Brasilien oder Peru unter die Arme griffen und auch dort systematische Tests installierten – aus denen dann sowohl dasjenige Land wie auch wir für einen sanften Exit die notwendigen Schlüsse ziehen könnten. Covid-19 würde die Welt also doch noch zusammenschweissen.

Mit einem Arsenal von 50 Schutzmaßnahmen, die wir zum Teil jetzt noch gar nicht auf dem Radar haben, und die die Reproduktionszahl R um jeweils 5% bist 25% senken würden, wären wir dem Coronavirus gewachsen und können entspannt aus der Krise navigieren.

Es gibt da allerdings noch ein paar offene Fragen:

Woher kriegen wir eigentlich die vielen Testpersonen?
Woher wissen wir, wer Superspreader sind, und wie können wir ihre Anonymität schützen?
Testergebnisse kommen mit 5 bis 10 Tagen Verspätung. Schützt uns das vor einer zweiten Welle?

Deutschland braucht jetzt ein souveränes Immunsystem!

Um als offene Gesellschaft mit dem Virus fertig zu werden, sind Versuch und Irrtum unzureichend. Wir sollten uns so schnell wie möglich ein gesellschaftliches Immunsystem zulegen. In solch einem System hat jeder Teil eine unmittelbare, fein dosierte Antwort auf eine Bedrohung – ganz so wie im menschlichen Körper. Einen Vorschlag für solch ein System finden Sie in der Abbildung unten.

Mit einem solchen System sind wir immer einen Schritt weiter als das Virus. Und mit ihm machen wir die vielen Teile unserer Gesellschaft ganz einfach zu kompetenten Selbstentscheidern – genauso wie es unser Körper macht.

Wir sind schon nahe dran! Geben wir noch etwas smarte Software in unser Arsenal gegen das Virus!

Namentlich mit einem Epidemiemodell und einer smarten App können wir die Wirksamkeit unserer Maßnahmen potenzieren!

Es ist gar nicht nötig, dass Politiker weiterhin einsame Entscheidungen treffen.

So funktioniert ein gesellschaftliches Immunsystem (Fig. oben)
1. Systematische Virustests zeigen uns präzise den Status Quo der Epidemie
2. Datenspenden übermitteln der Wissenschaft den Grad unserer Gefährdung
3. Die Wirkung von Schutzmaßnahmen wird exakt quantifiziert 
4. Die Daten verhelfen uns zu einem präzisen Epidemiemodell. Damit sind wir dem Virus immer einen Schritt voraus.
5. Die Politik setzt die Ziele, eine App hilft jedem von uns bei der Navigation.

Virustests, Datenspenden und Schutzmaßnahmen wurden oben diskutiert. Im Folgenden möchte ich die Punkte 4 und 5 näher erläutern:

Wozu ein Epidemiemodell?

  • Mit einem Epidemiemodell können wir aus einem gewünschten Epidemieverlauf Vorschläge für das Verhalten jedes Einzelnen von uns herleiten.
  • Mit einem Epidemiemodell könnten wir ein paar Tage in die Zukunft schauen. So könnten wir auf Entwicklungen reagieren, ehe sie eintreten!
  • Wir könnten unsere Voraussagen mit unseren Messungen eichen.

Es ist nicht so, dass es keine Virus-Modelle in Deutschland gäbe. Im Gegenteil, es gibt viele Wissenschaftler, die daran arbeiten. Nur, ihnen fehlt der entscheidende Rohstoff, beslastbare, tägliche Daten! Nehmen wir an, wir hätten diese Daten dank systematischer Tests.

Nehmen wir an, wir wollen mit weniger als 1.000 Neuinfektionen täglich bis zur Impfung durchhalten, bei möglichst wenigen Einschränkungen.

Um die Epidemie navigieren zu können, errechnet das Epidemiemodell nun für jeden von uns einen Sollwert für seine persönliche Reproduktionszahl, also die Zahl von Personen, die er bei einer Infektion maximal anstecken darf.

Nun könnten wir uns für die uns genehmsten Schutzmaßnahmen entscheiden, um unseren Sollwert zu halten. Es könnte auch ein Sollwert für jedes Unternehmen und jede Institution berechnet werden. Diese Gruppen könnten dann in Eigenregie navigieren, also mit eigener Kreativität die geeignetsten Schutzmaßnahmen ergreifen.

Ein fiktives Beispiel für die Wirkungsweise des Epidemie-Modells: Nehmen wir an, ein Mediamarkt befindet sich in einer Siedlung, bewohnt von rüstigen Senioren. Wenn ein Mitarbeiter von MediaMarkt fünfzig weitere Personen infizieren könnte, so ist seine persönliche Reproduktionszahl R = 50! Wieviele brave Senioren, die sich vorbildlich schützen (R=0,5) bräuchte es, um den Superspreader zu neutralisieren? Antwort: Für den einen Mitarbeiter müssten hundert ältere Personen „büßen“!

In anderen Worten: Wenn zwanzig dieser Verkäufer mit einem professionellen Atemschutz und womöglich mit Dunsthaube geschützt würden, könnten 1.000 ältere Personen in der Umgebung wieder befreit aufatmen! In ihrer Gesamtheit würde diese Gruppe die Epidemie immer noch eindämmen.

Vielleicht wird das Modell für die Senioren auch spezielle Einkaufszeiten vorschlagen (morgens von 8:15 bis 10:00) und ihnen die Benutzung von Pulsoximetern als wirksamem Schutz nahelegen.

Ein weiteres Beispiel: Man geht davon aus, dass unzählige Restaurants im Winter schließen müssen. Wenn nun jeder Restaurantbetreiber wüsste: Ich muss im Durchschnitt meiner Mitarbeiter und Kunden unter der Reproduktionszahl 2 bleiben, so könnte er mit verschiedenen Maßnahmen spielen, um das Ziel zu erreichen. Eine Dunsthaube über jedem Tisch könnte die Lösung sein.

Noch ein Beispiel: Für die Schulöffnung im September könnte das Modell professionelle Atemschutzmasken für Schüler und vor allem Lehrer empfehlen. Frage: Hat die Regierung schon daran gedacht, diese zu bestellen?

Diese Gedanken zeigen uns, wie ein Epidemiemodell uns durch punktuelles, effizientes Navigieren Stück für Stück von der Corona-Krise heilen könnte! Ein echtes Immunsystem eben!

Das Epidemiemodell kann aber noch weit mehr: Es kann uns die Entwicklung der Infektionen genau voraussagen. Wenn die Wirkung vieler Schutzmaßnahmen dem Modell exakt bekannt sind, wird es wissen, dass viele davon im Herbst ihre Wirkung verlieren (z.B. Restaurantbesuche im Freien). Das Modell wird dann einen Anstieg der Infizierten voraussagen und unseren Augenmerk auf alternative Schutzmaßnahmen lenken.

Mit jeder Runde im Zyklus wird unser Epidemiemodell besser

Mit dem ersten Modell könnten wir vielleicht für etwa 2 Wochen im Voraus vorhersagen, wie sich das Virus entwickelt. Jede unserer Maßnahmen, wie z.B. die Rückkehr unserer Kinder in die Schulen, könnten wir simulieren. Und wir hätten schon wenige Tage später die Quittung in der Hand: die genaue Zahl der tatsächlichen Neuinfektionen. Stimmte sie mit der Erwartung überein – wie gut. Bei Abweichungen müsste das Modell angepasst werden – so würde es von Tag zu Tag genauer (s.Abb. rechts).

Schulen und Pandemie

Wir werden mit solch einem Modell zum ersten Mal seit Beginn der Corona-Krise wissenschaftliche Anhaltspunkte haben, um zwischen verschiedenen Strategien abzuwägen. Über die wichtige Frage, ob wir eine Herdenimmunität erreichen wollen, oder die Epidemie bis zu einem Gegenmittel „hinhalten“ wollen oder gar auslöschen wollen, gab es bisher keine öffentliche Debatte.

Aber für welche Strategie wir uns auch entscheiden, es ist gar nicht mehr nötig, dass der Staat noch einsame Entscheidungen über Lockdowns oder Schutzmaßnahmen trifft. Jede Institution, jedes Unternehmen und jede Bevölkerungsgruppe wird vom Modell ihren Soll-R-Wert ausgespuckt bekommen und kann nun selbst die geeigneten Entscheidungen zu ihrem Schutz treffen.

Wenn wir nun unsere klaren Zielvorgaben haben, geht es ans Navigieren.

Wie navigiere ich eine Epidemie?

Der weißrussische Diktator Lukaschenka hat keine Sorge vor dem Virus: „Haben Sie hier eins gesehen?“ Das Problem des unsichtbaren Virus macht es wünschenswert, dass wir im täglichen Leben eine „Navigationshilfe“ benutzen. Deshalb wird unser Arsenal an Schutzmaßnahmen besonders dann wirksam, wenn wir uns mithilfe unseres Handys darin orientieren können. Dazu brauchen wir eine simple Corona-Navi-App, die uns die Möglichkeit gibt, unsere persönliche Reproduktionszahl auf dem gewünschten Wert zu halten, ohne dass der Staat uns weitere Vorschriften macht.

Vorschlag einer "weichen" Corona-Navi-App

Gute Nachricht: Unsere Corona-Warn-App ist bei der Bevölkerung angekommen. Ein großer Erfolg!

Schlechte Nachricht: Ihren Zweck erfüllt sie nicht. Denn in den ersten zwei Wochen seit ihrer Einführung haben sich erst etwa 100 Infizierte in die App eingetragen. Im gleichen Zeitraum gab es gerundet 5.000 Neuinfizierte in Deutschland. Wenn die Warn-App uns also vor nur 2 % der Infizierten schützt, so ist ihr Nutzen praktisch Null.

Mit ein paar kleinen Ergänzungen kann aus der Warn-App allerdings ein richtiger Game-Changer werden. Solche Funktionen wären in kurzer Zeit programmiert und könnten als Appendix angehängt werden. Es könnte aber auch eine andere App verwendet werden.

Wir könnten in einer solchen App detailliert unsere Lebensumstände, Beruf und Schutzmaßnahmen eingeben – lokal für unsere eigene Strategie. Die App wird nun mit diesen Angaben und mit den Aufzeichnungen unserer sozialen Kontakte unseren genauen Gefährdungsgrad ausrechnen, und diesen auch anonymisiert mit anderen Benutzern teilen.

Damit ist es nicht mehr unbedingt nötig, dass jemand einträgt, ob er positiv getestet wurde. Alleine die Tatsache, dass wir häufiger Personen treffen, die selbst einen hohen Gefährdungsgrad aufweisen, würde uns schon zu Schutzmaßnahmen motivieren.

Mit ein paar Ergänzungen kann aus der Warn-App ein Game-Changer werden

Unseren von der App errechneten Gefährdungsgrad könnte man unsere persönliche Reproduktionszahl nennen. Die App wird vom RKI her nun mit dem Wunschwert für unsere Bevölkerungsgruppe gefüttert. Z.B.: unser gemessenes R als Paketbote ist 2,6, das von der Regierung im Rahmen der Pandemie-Strategie vorgeschlagene R für Paketboten wäre 1,6. Dann würde die App uns zusätzliche Schutzmaßnahmen vorschlagen. Z.B. sollten wir im Logistikzentrum einen Mundschutz tragen.

Müssten wir in einem weitern Beispiel in einen Flieger steigen, so könnte die App uns anschließend raten, uns zu testen, viel Orangensaft zu trinken, viel zu schlafen, und bei sozialen Kontakten zehn Tage lang einen Mundschutz zu tragen.

Die App würde uns also für die Epidemie-Navigation unschätzbare Dienste leisten. Und vor allem, statt einer von autoritärem Denken geprägten Warnung vor „gefährlichen Infizierten“ würde die App uns einen Spiegel vorhalten. In anderen Worten, statt dem Splitter im Auge unseres Nächsten würden wir auf den Balken im eigenen Auge fokussiert. Eine einer modernen Demokratie würdige Methode.

Nicht nur in der Navigation, auch in den anderen Elementen des Schutzzyklus wäre die App eine große Hilfe:

App hilft bei Auswahl der Testpersonen - zentral gesteuert aber lokal verwirklicht

Gemäß eines Algorithmus in der App könnte mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit ein Code generiert werden, der uns das Recht (und die Pflicht) gibt, an einem Virus-Test teilzunehmen. Den könnten wir ganz bequem per Paketboten verschicken. Wir wären damit Teil der Stichprobe von 30.000 täglichen Tests.

Wenn wir nun einen Beruf hätten, der in der Modellrechnung des RKI besonders wenig verstanden ist, oder eine ungewöhnliche Schutzmaßnahme benutzten, die viele Leben retten könnte, so würden die Wissenschaftler, die an diesen Modellen rechnen, die Wahrscheinlichkeit stark erhöhen, dass wir und unsere Schicksalsgenossen getestet würden. Schon nach kurzer Zeit würden auf diese Weise exakte Daten vorliegen, die unser Epidemie-Modell in diesen Aspekten weiter perfektionierten.

Wie erfahren die wissenschaftlichen Institute von unseren persönlichen Schutzmaßnahmen? In der App könnten wir die Frage bejahen, ob unsere persönlichen Schutzmaßnahmen und unser persönliches Infektionsrisiko verschlüsselt und anonymisiert an die wissenschaftlichen Institute weitergegeben werden können. Dies wäre unser freiwilliger Beitrag dazu, möglichst rasch wieder in ein normales Leben ohne Virus-Sorgen zu finden, denn diese Daten eines repräsentativen Teils unserer Bevölkerung (z.B. 10%) sind für genaue Modelle und damit genaue Vorhersagen der Fallzahlen unbedingt nötig.

Wir sind nah dran, unser Land – ja unseren Planeten – sanft und sicher aus der Krise zu steuern

App und Epidemiemodell verändern grundlegend, wie wir Impfen

Mit der Impfung, wenn es sie denn einmal gibt, kann noch viel schiefgehen. Wer sagt denn, ob und wann wir genug Impfstoff für alle bekommen? Wer verhindert, dass Impfgegner und Populisten unsere Gesellschaft als Geisel benutzen, um um Aufmerksamkeit zu heischen.

Die App im Verein mit dem Epidemiemodell könnte uns helfen, die Personen ausfindig zu machen, die wir als erstes impfen sollten. Das wären natürlich Superspreader in Reichweite von bestehenden Infektionsketten. Das Modell könnte dann z.B. ausspucken: Wenn wir 50.000 Superspreader in ganz Deutschland impfen würden, wäre die Epidemie schon wirksam eingedämmt!

Ähnliches gilt natürlich auch für zukünftige Viren oder für die nächste Grippewelle. Unsere Impf-anstrengungen könnten viel sparsamer und effizienter sein!

Aber bitte geben Sie diese Erkenntnis nicht der pharmazeutischen Industrie weiter. Denn sie bedeutet, dass unsere Regierung nur noch einen Bruchteil der eigentlich geplanten Impfdosen ordern müsste!

Was wird sich an unserem Leben verbessern?

Wir sind nah dran, unser Land ohne weiteres Chaos so sanft und sicher aus der Krise zu steuern, dass wir uns hinterher fragen werden, warum wir uns alles erst einmal so kompliziert gemacht haben.

Wie wird unser Leben dann aussehen? – Hoffentlich weitgehend normal:

  • Wir werden endlich das Risiko von Covid-19 einschätzen können – und hoffentlich drastisch verringern können – siehe Pulsoximeter u.a.
  • Wir werden genau wissen, wie wir unsere Senioren und Vorerkrankten mit „sanften“ Maßnahmen schützen können.
  • Unsere Kinder können wieder in die Schule – und in den Pausen auch toben – ein wichtiger Beitrag zur Immunisierung der Bevölkerung.
  • Alle Unternehmen können wieder normal funktionieren, natürlich wird jedes Unternehmen in Eigenregie seine gewünschte Reproduktionszahl einhalten.
  • Diskos und Restaurants, aber auch Museen und Tagungsstätten müssen mit Wärmetauschern für angenehme und effektive Frischluft-Zufuhr sorgen.
  • Auch Großveranstaltungen werden wieder erlaubt werden, wenn wir einmal herausgefunden haben, wie wir uns da schützen können.
  • Wir werden für jeden Landstrich der Welt die genauen Anteile Infizierter und Immunisierter kennen. 
  • Wir werden wieder frei reisen können – allerdings unter den geeigneten Schutzvorkehrungen

Und das alles etwa einen Monat nach Einführung der systematischen Tests.

Bleibt noch zu sagen, dass die neue Eigenverantwortung die Bevölkerung kreativ machen wird und uns eine große Diversität an Schutzmaßnahmen bescheren wird.

Der Corona-Test unserer Entscheidungsträger und Medien

Noch ist es nicht zu spät, Klarheit zu schaffen und weitere Millionen unnötiger Corona-Fälle zu vermeiden. Und ehrlich gesagt, wir möchten dieses Virus nun endlich hinter uns lassen und uns den eigentlichen Herausforderungen unserer Welt widmen!

Deutschland hat vieles richtig gemacht. Wir sollten jetzt die Nerven haben, ein Immunsystem für unsere Gesellschaft zu installieren! So beweisen wir einer Welt im Wahn, wie unschätzbar wertvoll eine funktionierende Demokratie und Wissenschaft sind.

Bitte bekennen Sie sich in einem Kommentar zu systematischen Virustests!

Mit systematischen Virus-Tests können wir nichts verlieren, aber viel gewinnen.

David Unger, Blogger

An unsere Gesundheitsminister:

  • Bitte koordinieren Sie systematische Virus-Tests!
  • Bitte bauen Sie exakte Epidemiemodelle noch vor dem Herbst!
  • Die Warn-App muss uns wirksam schützen.
  • Unsere Mitbürger werden uns ein Arsenal an weichen Schutzmaßnahmen bescheren. Lasst sie machen!
  • Bitte die Impfkampagne aufvampen mit App und Epidemiemodell!

2 Kommentare zu „Wir brauchen harte Daten und weiche Schutzmaßnahmen!

  1. Anfangs etwas irreführend: „Zwar ist das Virus in Deutschland vorerst besiegt. Trotzdem stehen wir nun da und haben keine Antworten auf Fragen wie diese:
    Sind Kinder für ihre Großeltern ansteckend? Was bringt der Atemschutz? etc.“). Nein, das Virus ist überhaupt nicht „besiegt“, andererseits wissen wir durchaus, dass Atemschutz viel bringt (Schutz der Anderen!), und infizierte Kinder natürlich ihre Großeltern anstecken können. Der Ruf nach systematischen Flächentests auf Zensus-Basis ist vernünftig, ebenso die Kritik an der Corona-Warn-App (die seit Wochen unerkannt nicht richtig funtionierte, weil Android die automatische Hintergrund-Aktualisierung der App nicht einschaltete). Ob die vielen guten Gedanken zu einer vernunftgesteuerten Epidemie-Navigation aber Erfolg haben, ist zweifelhaft, solange Menschen einfach wieder Lust auf Feiern in großen Gruppen haben (Zitat Elio, 30, Berlin, im Interview auf Spiegel-online: „…wir haben die Freiheit, mit unserem Körper zu machen, was wir wollen“) oder ausländische Niedriglöhner aus Geldgier in Massenunterkünften zusammengepfercht werden. Mir graut vor der zunehmenden Unvernunft und Lässigkeit der Leute, die einfach keinen Bock mehr auf Mundschutz haben. Mir graut auch vor dem Herbst, wenn die normalen Herbstinfektionen die Pandemie überlagern werden. Ich halte aber die Strategie, Infektionsketten umfassend zu verfolgen und zu stoppen, für aussichtsreicher als Flächentests. Wir sollten auch von Ländern lernen, die das erfolgreich durchgezogen haben wie z. B. Neuseeland.

    1. Herr Köpping, herzlichen Dank für diesen Kommentar! Ich werde die drei Punkte, auf die Sie mit dem Finger gezeigt haben, korrigieren/ergänzen. (Einleitung, warum Flächentests, Fehler bei der Warn-App).

      Und ja, jetzt wo das Virus am Boden ist, scheint das Verfolgen von Infektionsketten am sinnvollsten. Das Problem: auch hier erwischen wir ja immer nur die Spitze des Eisbergs. 800 Infizierte täglich * 5 (Dunkelziffer laut Antikörperstudie des RKI) gibt 4.000 Infizierte täglich. Nach 10 Tagen 40.000. Wer kann das noch verfolgen? Wir befinden uns praktisch schon in der zweiten Welle.

      Ich persönlich finde es gegenüber Kindern, Eltern und Großeltern unverantwortlich, dass z.B. in den Schulen nicht systematisch getestet wird. Das muss ja nicht heissen, alle testen, es reichen ja intelligente Stichproben. Wie wäre es z.B. alle 50.000 Schulen Deutschlands wöchentlich gepoolt zu testen (Spuckproben aller Schüler einer Schule im Pool). Es kostet uns ja keinen zusätzlichen Cent, Virus-Tests einfach zu koordinieren, anstatt sie weitgehend planlos durchzuführen. Es ist unverantwortlich, dass Schulen virusmäßig für uns immer noch eine Black Box sind.

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